Vorabdruck aus dem Kapitel „Resümee“ (Kapitel 9): Zoltan Peter et al. (Februar, 2026): Schule an der Grenze der Toleranz. Springer.
Die Fokussierung auf Wettbewerbsfähigkeit im Schulalltag, ohne gleichzeitig die Beziehungsfähigkeit zu fördern, ist nicht nur ein einseitiges Verständnis von Bildung – sie führt zunehmend auch zu Spannungen und Konflikten.
Die Amoktat in Graz markiert den Höhepunkt schulischer Konflikte in Österreich. Sie verdeutlicht, dass sich Schulen zunehmend zu Orten der Entfremdung und nicht des Wohlbefindens entwickeln. Es signalisiert, dass Toleranz, die als Mittel zur friedlichen Konfliktlösung erfunden wurde, immer weniger funktioniert. […]
Fakt ist, dass rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen Einstellungen aufweisen, die alles andere als positiv sind; daran kann ein bedeutender Grund für die eskalierenden Konflikte festgemacht werden. Auch den Lehrkräften ist das eine oder andere anzulasten. Aber dass sie den Kindern falsche, zur Intoleranz anregende Werte herantragen würden sicherlich nicht. Das geht überwiegend auf die Eltern und andere gesellschaftliche Umstände zurück – oft auf einverleibte politische, religiöse und identitäre Haltungen, die im jeweiligen Land, in dem die Eltern oder die Kinder aufgewachsen sind beziehungsweise leben, etabliert sind.
Doch offenbar gibt es auch andere Faktoren, die in diesem Zusammenhang einflussreich sind, und diese sind jenseits der zwischenmenschlichen Beziehungen zu verorten. Die Tatsache, dass nur wenige Jugendliche gerne in die Schule gehen und es einen erheblichen Lehrpersonenmangel gibt, spielt eine große Rolle. Addieren wir die psychischen Probleme, den Leistungsdruck dazu, könnte sich das Gesamtpaket als ein übergeordneter Grund der Konflikte darstellen. Deshalb ist der Glaube, dass durch mehr psychologische und sozialarbeiterische Unterstützung all das zu meistern ist, als illusorisch einzustufen. Diese geplanten Maßnahmen können noch so wichtig sein, aber sie zielen nicht auf die Ursachen der Probleme.
Die bestehenden Konflikte betreffen offenbar nicht nur die Einstellungen, sondern auch den Lehrplan selbst. Daher spiegelt die aktuelle politische Absicht, die unterstützenden Maßnahmen außerschulischer Kräfte in den Schulen zu verdoppeln (beispielsweise durch „Diversitätskompetenz” und ähnlichen Konzepten), genau das wider, was dem Lehrplan fehlt: nämlich humane Bildung, konkret die Fächer Psychologie, Soziologie, Philosophie, Ethik etc. Diese spielen nämlich, wenn überhaupt eine minimale Rolle und selbst die Beschäftigung mit Kunst wurde in den letzten Jahren deutlich reduziert. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen zudem deutlich, dass jene Befragten, die die meisten KünstlerInnen aus dem ihnen in dieser Studie vorgelegten Kunstkanon kennen und die sich durch eine stärkere Naturverbundenheit auszeichnen, das heißt, einen besseren, weil humaneren Weltzugang haben, die friedfertigsten Einstellungen aufweisen. Es ist in diesem Zusammenhang klar zu erkennen, dass Natur, Kunst und Kultur wichtige Aspekte der Lebensorientierung sind. Theater, Musik und Literatur […] sind allesamt Lebensschulen und dienen dem Erlernen von Beziehungen. […]
Die vorliegenden Studienergebnisse zeigen darüber hinaus in aller Deutlichkeit, dass ein liebevoller Erziehungsstil der Eltern und nicht höheres ökonomisches Kapital dazu führt, dass die Kinder friedliche Einstellungen aufweisen. Ähnliches gilt wohl für die erzieherischen Maßnahmen der Lehrkräfte. Und dass diese überwiegend einen Erziehungsstil vertreten, der den Kindern zugutekommt, belegen die Ergebnisse, wenn auch nur indirekt. Allein ihre Entscheidung, einen solchen Beruf zu wählen, sagt über die Lehrpersonen einiges aus.
Lehrkräfte gehören eigentlich der Gruppe der Kulturvermittler und Kulturschaffenden an, aber zu jenen, die im öffentlichen Raum kaum wahrgenommen werden. Doch auch Kulturschaffende sollten sich einer kritischen Selbstreflexion unterziehen. Es empfiehlt sich, den eigenen Hang zur uneingeschränkten Toleranz und zum neutralen Verhalten, das in Wahrheit alles andere als neutral ist, gegenüber Jugendlichen in Themenbereichen wie Vielfalt, Identität […] zu hinterfragen. Auch ihre Funktion als primäre InitiatorInnen und VermittlerInnen im Klassenzimmer kann sicherlich optimiert werden. Denn sie wissen sehr genau, dass Schule dann am besten gelingt, wenn die Kinder von den Lerninhalten fasziniert sind und sich verstanden fühlen. Letztlich lässt sich die Schule jedoch nur durch eine gründliche Reflexion und Neubewertung der kompetenzorientierten Pädagogik verbessern. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn im Schulsystem erkannt wird, dass nicht alles aus rein kognitiver und nutzbringender Sicht betrachtet werden darf.
Tagtäglich Wettbewerbsfähigkeit und nur selten Beziehungsfähigkeit zu vermitteln, führt zu keiner guten Schule. Nur eine stärker auf universellen Humanismus basierende Schule kann zu einer besseren Welt etwas Positives beitragen. Diese Unausgewogenheit muss jedoch nicht nur dem Bildungssystem und den Familien bewusstwerden, sondern auch der Politik und den Medien.