Plädoyer für mehr Mut

Die Welt begehrt vorwiegend materielle Güter. Besitz und Wohlstand stehen überall im Vordergrund. Dieser Aspekt hat derzeit weltübergreifend absolute Priorität. Kein Mittel darf hierfür fehlen: Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Technologien, KI, das Militär und nicht zuletzt Bildungseinrichtungen werden von einer scheinbar unsichtbaren Hand mobilisiert, die knappen Natur- und sonstigen Ressourcen dafür auszubeuten. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der die Qualität der zwischenmenschlichen und zwischenweltlichen Beziehungen einen alarmierenden Tiefstand erreicht hat.
Die Krise ist perfekt
Wir leben in einer Welt der politischen Gleichgültigkeit. Und wir leben in einer Welt, in der die Menschen das, was sie begehren, vollständig besitzen oder beherrschen wollen. Ein Umstand, der – wie der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch „Unverfügbarkeit“ beschreibt – unweigerlich dazu führt, dass uns etwa Familie, Freundschaften, Kunst, Natur, Wohlstand (auch das wollen wir haben) nicht vertrauter werden, sondern weiter von uns wegrücken. Außerdem leben wir in einer Welt, in der die Menschen mit allem, was sie falsch finden, äußerst gleichgültig, wertrelativistisch oder aggressiv umgehen. Beispiele dafür gibt es wie Sand im Meer.
Zum Beispiel betreiben viele Staatsoberhäupter eine äußerst aggressive Politik. Diese autokratischen Länder sind nicht in der Lage, sich an basale völkerrechtliche Vereinbarungen zu halten, stattdessen führen sie Krieg. Regierungen der freien Welt wiederum unterwandern das menschliche Bewusstsein mit scheinbar friedlichen Diskursen, die häufig mit fragwürdigen, vorwiegend konsumankurbelnden Inhalten befüllt sind. Menschen und Staaten können durch diese rücksichtslos forcierte Marktwirtschaft überfordert, wenn nicht sogar verwandelt werden. Denken wir beispielsweise an China.
Nicht selten herrschen Frust und Zorn darüber, dass sich Menschen und die Natur für dieses Ziel nicht vollständig unter Kontrolle bringen lassen. Das Ergebnis? Wiederum Aggression.
Im westlichen Teil der EU laufen die Dinge (noch) etwas anders. Etwas besser, hoffnungsvoller. Hier erfreuen sich Vielfalt und bestimmte Werte (materielle und immaterielle gleichermaßen) nach wie vor großer Beliebtheit. Dennoch ist Europa „Der Kontinent ohne Eigenschaften“: immer im Strom schwimmend, seiner herausragenden Eigenschaften verloren habend, wie der Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk in seinem gleichnamigen Buch ausführlich darlegt. Zwischen diesen Extremen (Aggression, Gleichgültigkeit, postmoderne Beliebigkeit etc.) gibt es seit Jahren nur wenig Bewegung: Diplomatie, Toleranz, der humanistische Blick auf die Welt sind kaum vertreten – jedenfalls in den einflussreichsten Sphären der politischen Macht. Daraus ergibt sich quasi automatisch der aktuelle Weltzustand: Staaten (und Individuen) fühlen sich von bösen Kräften bedroht und klammern sich als möglicher Ausweg an die Mittel des Krieges. Die Krise ist perfekt. Wen wundert es?
Zurückeroberung der verlorenen Mündigkeit
In der Krise ist auch die politisch relevante Toleranz. Warum? Weil sie meistens falsch verstanden wird. Jenseits der Fachwelt muss man lange suchen, bis man auf Menschen trifft, die sagen können, um was es dabei eigentlich geht. Die Mehrheit der Bevölkerung liberaler Gesellschaften glaubt auch vor dem Hintergrund der sogenannten „Flüchtlingskrise“ von 2015, dass Toleranz ein Instrument der Wertschätzung sei. Das entsprechende Credo lautet: „Je mehr Werte und Kulturen du wertschätzt, umso toleranter bist du: also ein umso besserer Mensch.“
Am etablierten Pol des politischen Feldes ist es nicht anders. Am aufstrebenden Pol unserer hiesigen Politik und in den autokratischen Ländern verhält es sich beinahe spiegelverkehrt: Da lehnt man in Namen eines überzogenen Leitkulturalismus alles Fremde ab – und zwar deshalb, weil die anderen alles wertschätzen! Das ist Politik. Im Grunde ist der Aufstieg rechter Parteien in diesem Umstand zu verorten.
Beide Kräfte liegen aber falsch. Besser: fast falsch. Moderne, nachhaltige, demokratiepolitisch relevante Toleranz sollte weder eine ethnische oder religiöse „Identität“ (die ohnehin stets eine Illusion oder Behauptung ist) ertragen noch alle wertschätzen müssen, wie dies etablierte europäische Regierungen täglich verkünden. Ihr zugrunde liegen sollte entweder eine auf stichhaltigen Argumenten fußende Akzeptanz oder eine respektvolle, gut begründete Zurückweisung von ungerechten oder intolerant empfundenen Werten. Respekt liegt in den universalen Menschenrechten begründet, die besagen, dass jeder Mensch allen anderen Menschen gleich ist, auch wenn Ersterer abweichend handelt. Respekt ist die unterste Grenze der Toleranz. Die Intoleranz beginnt genau dort, wo der Respekt endet. Es ist daher ratsam, unter der Minimalanforderung der Toleranz schlicht und einfach Respekt zu verstehen. Das allein würde schon für den Frieden reichen.
Langsam gilt es einzusehen, dass uns – weil per Gesetz nicht alles geregelt werden kann – als Instrument der Konfliktregelung allein die Toleranz bleibt. Wenn sie richtig verstanden wird. Sie sollte stets rechtlich abgesichert sein und sachlich formuliert. Sozial relevante Toleranz bedeutet nicht, zu erdulden. Moderne sozial relevante Toleranz bedeutet abzuwägen. Dazu braucht es allerdings ein Verfahren, ein präzises Instrument des fundierten Messens, sprich: Gute, verantwortungsvolle Gründe für Akzeptanz oder Zurückweisung – genau nach dieser Methode müsste man etwa das geplante Kopftuchverbot ausrichten. Man müsste also anhand eines Fragebogens und Gesprächs vergleichend ermitteln, ob und wie viele Prozent der Kopftuchträger Haltungen aufweisen, die respektlos oder intolerant im Sinne der Menschen- und Grundrechte sind.
Meta-Ursache der Krise
Für eine sachliche, respektvolle politisch relevante Toleranzhaltung gibt es im Alltag derzeit keine Mehrheit, und das ist ein Versagen der Medien- und der Bildungspolitik. Wir könnten alle Schulbücher durchforsten: In keinem davon findet sich auch nur eine einzige brauchbare Erklärung für Respekt und Toleranz – und das ist mit Sicherheit nicht nur hierzulande der Fall. Diese Leerstelle spiegelt das weltweite Bildungsproblem wider, mit dem alle anderen Krisen zusammenhängen. Im Laufe der letzten 25 Jahre wurde eine weltübergreifende kompetenzorientierte Pädagogik etabliert, die den Humanismus und unser Gespür für das Gute aus unseren Köpfen – und Herzen – verdrängt hat.Die Meta-Ursache des labilen Weltzustandes lautet also: misslungene Bildungspolitik. Wenn also die Kompetenzpädagogik – in der mittlerweile viele eine erfolgreiche Umbildung zur Unbildung sehen – nicht bald grundlegend überdacht wird, so wird das kein gutes Ende nehmen. Und wenn der Humanismus gegenüber der Macht des Geldes und allem, was man damit verbindet, nicht rasch an Einfluss gewinnt, werden wir kläglich scheitern.
Damit das nicht passiert, sollte die akademische Welt, sollten die Kulturschaffenden insgesamt Mut fassen und ihr Terrain von der derzeit spielbestimmenden Elite zurückerobern, anstatt zu schweigen.