(Vorabdruck)

Im Gegensatz zum künstlerischen und wissenschaftlichen ist es dem schulischen Feld bisher nicht gelungen, hinreichende Autonomie zu erlangen, um sich eingehender mit Bildungsfragen zu beschäftigen. Warum das so ist? Weil es den Intellektuellen des Landes einerseits nicht gelungen ist, enger zusammenzurücken und den Einfluss der politischen, wirtschaftlichen und technologischen Macht vom Schulbetrieb ausreichend fernzuhalten, beziehungsweise diesen besser zu begleiten. Andererseits hat die Politik ihr Potenzial nicht dazu verwendet, den wichtigsten Erkenntnissen der Humanwissenschaften, der Philosophie und Künste wenigstens so viel Interesse entgegenzubringen wie dem ökonomischen Diskurs. Und das schlichtweg deshalb, weil die Politik (aufgrund des mächtigeren und über ihr stehenden ökonomischen Diskurses) den genannten Disziplinen weniger Wert beimisst: Der aktuelle Vorstoß des Bildungsministeriums beweist es einmal mehr.
Die Befürchtung, dass öffentliche Schulen zunehmend privaten, marketingorientierten Bildungsinstitutionen ähneln, bestätigt sich. Die Befürworter der Kompetenzpädagogik, der diese Entwicklung hauptsächlich zugrunde liegt, gehen davon aus, dass die Schule der Zukunft den Jugendlichen messbare „Outputs“ liefern muss, um ihren Erfolg zu gewährleisten. Dieser Ansatz wird verfolgt, ohne zu berücksichtigen, dass die Kompetenzpädagogik der letzten 26 Jahre nicht zu einer signifikanten Verbesserung der Kompetenz der Kinder und Jugendlichen geführt hat. Im Gegenteil.
Angesichts der bildungspolitischen Erwartungen an die Lernenden suchen sie – und das ist eine logische Entwicklung – zunehmend Rat bei künstlicher Intelligenz, auch in Bereichen, in denen diese nicht kompetent ist, beispielsweise in moralischen und beziehungsbezogenen Fragen. Dies führt unweigerlich zu einem schrittweisen Verlust der eigenen Denk- und Handlungsfähigkeit.
Vier Thesen zu den Bildungsdebatten
1. These: Im Vergleich zu vor etwa drei Jahrzehnten hat sich das Bildungsverständnis erheblich gewandelt. Heutzutage wird die Schule (insbesondere die Jugend) stärker von sozialen Medien und Algorithmen beeinflusst als von anderen Faktoren. Das und die PISA-Maßstäbe trugen zu einer maßgeblichen Umbildung bei. Dieser Wandel hat zu einer neuen Übereinstimmung zwischen den Vorgaben des Bildungssystems und der Denkweise erfolgreicher Kinder beziehungsweise Eltern geführt. Mit anderen Worten: zu einer neuen harmonischen Übereinkunft darüber, was Bildung ist.
2. These: Das heutige Schulsystem, das aufgrund fehlender Schulautonomie in hohem Maß auf Nützlichkeit ausgerichtet ist, benachteiligt seit der Einführung der kompetenzorientierten Pädagogik nicht (oder nicht nur) die „bildungsfernen“, sondern auch die „bildungsnahen“ Schichten. Die häufig geäußerte Kritik, wonach Bildung in Österreich stark vererbt wird, ist daher nur in geringem Maße zutreffend.
3. These: Erfolgreich „vererbt“ wird heutzutage nicht Bildung im klassischen Sinn, sondern die Bereitschaft zur Akkumulierung von Kompetenzen, die einer erfolgreichen Anpassung an die Gesellschaft und an deren vordergründige Ziele dient. Ob eine solche (und aufgrund der genannten Harmonie oder der miteinander verschränkten Denkweisen meistens unsichtbare) Instrumentalisierung, die Kinder zu einem erfüllten Leben führt und eine zukunftsträchtige Welt entstehen lässt, ist fraglich.
4. These: Die Forderung nach mehr Integration durch die Erweiterung von Bildungskompetenzen ist einleuchtend. Wir sollten allerdings im Blickfeld haben, dass Integrationsbemühungen, die auf die Erhöhung von Bildungskompetenzen abzielen, unter den aktuellen Bedingungen wenig Sinn ergeben. Warum? Weil die Richtung falsch ist. Das heißt: Je mehr Kinder durch die Erweiterung ihrer schulischen Kompetenzen in das bestehende Schulsystem integriert werden, desto mehr Kinder werden in eine fragwürdige Richtung gelenkt.
Es mag schon sein, dass Wirtschaft und Wohlstand auch ohne humanistische Bildung wachsen. Eine nachhaltige Wirtschaft, Demokratie und Frieden sind ohne humanistische Bildung und der damit einhegenden autonomen Urteilskraft aber nicht möglich. Mit dem Physiker Harald Lesch und dem Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer (vgl. Lesch und Zierer 2024, Gute Bildung sieht anders aus) können wir einmal mehr behaupten, dass Kinder im derzeitigen Schulsystem von der kompetenzorientierten Pädagogik maßgeblich eingeschränkt werden. Seit dem „PISA-Schock“ 2001 fokussiert die Bildungsdiskussion – so die Autoren – in vielen Teilen der Welt auf messbare Kompetenzen, was zu einer nationalen und globalen Bildungskrise geführt hat.
Somit können wir hervorheben: Aufgrund zahlreicher gut begründeter Einwände sollte eine Umwandlung des Bildungssystems zuallererst die kompetenzorientierte Pädagogik ins Visier nehmen. Was ist daran noch sinnvoll und was nicht? Es gibt triftige Gründe, anzunehmen, dass wir, wenn die von den PISA-Tests forcierten Kompetenzen weiterhin im Mittelpunkt bleiben, bald in einer Welt aufwachen, die von Menschen bestimmt wird, die weder Zeit noch die Fähigkeiten haben, der Welt wenigstens mit einer basalen Offenheit und grundlegendem Respekt zu begegnen. Sie wird von Menschen bevölkert sein, die nur Kosten und Nutzen im Kopf haben.
Die sinnvolle Umwandlung des Bildungssystems
Im Zuge einer Umwandlung des Bildungssystems sollte der aktuelle Bildungsbegriff kritisch überprüft werden. Und statt einer impliziten Pädagogik des „Laissez-faire“, die nur diejenigen begünstigt, die bereits mit dem Lernstoff vertraut sind, sollte eine „Rationale Pädagogik“ (P. Bourdieu) soziale Bedingungen berücksichtigen.
Fakt ist auch, dass die Mehrheit der Kinder derzeit ungern in die Schule geht. Die Schule zieht sie nicht an, das Handy schon. Und es wäre fahrlässig, die Schuld einzig und allein der Smartphone-Welt zu geben. Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, dass die Kinder die Schule noch weniger mögen würden, gäbe es dort keine Möglichkeit, Fußball zu spielen oder Freundschaften zu pflegen. Die Ergebnisse der bekannten „Jenkins-Kurve“ aus dem Jahr 2015 zeigen jedenfalls, „dass zu Beginn der Schulkarriere nahezu alle Lernenden Freude am schulischen Lernen erfahren. Dieser Wert nimmt dann von Schuljahr zu Schuljahr langsam, aber sicher ab, bis er in der neunten Jahrgangsstufe bei gut 30 Prozent Zustimmung ist. Erst zum absehbaren Ende hin steigt die Freude am schulischen Lernen wieder leicht an.“ (Zitiert nach Nida-Rümelin und Zierer 2023, Demokratie in die Köpfe, S. 169.)
Bildung kann nur dann wirksam an die Kinder weitergegeben werden, wenn zuvor lebendige zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut wurden – also erst dann, wenn die Kinder gerne in die Schule kommen und Erfahrung sammeln. Es braucht also nicht nur materielle Voraussetzungen, Informationen und Kompetenzen, sondern vielmehr die Herstellung von Vertrauen zwischen Lehrenden und Lernenden; jene Basis, auf deren Grundlage – je nach vom Elternhaus mitgebrachten Dispositionen – Bildung erst übertragbar wird. Allerdings sollte dies eine Form der Bildung sein, die die Kinder befähigt, reflektiert, friedfertig, verantwortungsvoll, kreativ zu handeln und nicht eine, die sie zu rein funktionalen, bloß durchführenden Wesen degradiert.
Mehr dazu im aktuellen Buch: Schule an der Grenze der Toleranz bzw. im Rahmen der Buchpräsentation am 27.03.26. im Das Dorf.