Der lange Schatten der Identität 

Während sich das Attentat von Magdeburg vor zwei Jahren auf einem Weihnachtsmarkt ereignete, fokussierte der Anschlag in Berlin auf eine Pride-Veranstaltung. Letzterer ist somit deutlich zielgerichteter, wirft jedoch ungeachtet dessen dieselben Fragen auf: Wie entstehen solche Gewalttaten und wie können sie verhindert werden?

Die öffentliche Debatte kreist meist um Sicherheitsmaßnahmen. Diskutiert werden Überwachung, Deradikalisierung, Abschiebungen oder Einreiseverbote. Vieles davon mag notwendig sein. Dennoch bleibt der Eindruck, dass wir vor allem über Symptome sprechen und zu wenig über die tieferen Ursachen. Eine davon könnte unser Menschenbild sein.

Identität 

In den vergangenen Jahren ist der Begriff der Identität zu einem politischen Schlüsselbegriff geworden. Religion, Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung gelten zunehmend als Merkmale, über die Menschen sich selbst und andere definieren. Kaum eine gesellschaftliche Debatte und kaum ein Journal kommen heute ohne das Thema Identität aus. Doch eines der Probleme liegt genau hier. 

Hierzulande und in Deutschland gibt es im Wesentlichen eine Übereinkunft darüber, dass neben Rechtsradikalismus und Islamismus die Gruppe der Identitären eine Gefahr für die liberale Demokratie darstellt. Nur wenigen ist es jedoch bewusst, dass „Identitätsdenken“ und seine ständige mediale Anwesenheit schon für sich allein ein Problem ist. Der aktuelle Anschlag in Berlin hängt offensichtlich mit dem Identitätsdenken per se zusammen, wenn auch latent. Der von der Polizei erschossene Terrorist namens Abdul B., der aufgrund seines religiösen Fanatismus einen Menschen ermordete und mehrere verletzte, war ein Anhänger des IS. Religiöser Fundamentalismus, den er angeblich vertrat, ist ein Produkt des allgegenwärtigen Identitätsdenkens – eines Denkens, das kaum über eine Sippenmentalität hinausgeht. Die Zielgruppe seiner Attacke besteht ihrerseits aus Mitgliedern, die in geschlechtsbezogenen Identitäten denken und diese öffentlich ausleben, womit sie zielgerichtet Sichtbarkeits- und Identitätspolitik betreiben. 

Natürlich fallen die verschiedenen Formen des Umgangs mit der „Identität“ angesichts des Zusammenlebens unterschiedlich ins Gewicht, stellen also verschiedene gesellschaftliche Probleme und Gefahren dar, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Um den Vorfall in Berlin besser zu verstehen, muss man zwei Perspektiven auseinanderhalten: Zunächst haben wir die althergebrachte Perspektive, auf der einen Seite das liberale Aufnahmeland und auf der andere: die Migration, die mehrheitlich „integriert“ (ein mittlerweile schwieriger Begriff) gilt, lediglich eine kleine Minderheit macht immer mehr Probleme, das ist wiederum Fakt. 

In diesem Schema wirken zwei verschiedene Formen des Identitätsdenkens: dort die Religion oder ethnische Zugehörigkeit (früher eher im globalen Süden und Osteuropa ausgeprägt), hier in den westlichen Ländern das Geschlecht; beide stehen seit einigen Jahren auch hierzulande im Zentrum der Diskussion. Die öffentlich zur Schau gestellte Vielfalt von Geschlechtsidentitäten, das dazugehörige Fahnenschwenken, das normative Einfordern von Gendern als fortschrittliche, moderne Haltung des „Westens“ wird von vielen eingefordert. Soweit die pauschale Einteilung. 

Die Verbindung 

Die eigentlich interessante, aber tabuisierte oder verkannte Schwierigkeit ist aber, dass mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung das Gendern und die dahinterstehenden Communitys ablehnt. Und genau diesen pauschalen Sachverhalt treibt der Attentäter auf die Spitze. Der vollkommen intolerante, aggressive und von der Polizei erschossene Terrorist rast in die Gruppe, ausgerechnet in eine, die ihn als „Migrant“ wertschätzt. Der Terrorist ist also im Unterschied zu allen anderen Gegnern der Queer-Parade vollkommen unfähig, die Gruppe zu tolerieren. Er kann weder öffentlich ausgetragene noch rechtliche Argumente gegen die Queer-Parade einbringen. Er kennt nur Gewalt. Das ist der springende Punkt. Darin weicht er von allen anderen Gegnern der Bewegung signifikant ab. Darin, dass eine kollektive Identität (nicht zu verwechseln mit Identifikation mit und Teilhabe an etwas) lebensnotwendig sei und offiziell anerkannt gehöre, unterscheiden sich die Queers und er nicht wesentlich. Es mag befremdlich klingen, aber solche Ähnlichkeiten im Denken und Handeln, solche heimtückische, weil provozierende Schnittmengen und latente Verbindungen sind es, die immer wieder weltweit Konflikte verursachen, aber meistens unbemerkt bleiben oder verkannt werden. 

Der zweite Grund für solche Konflikte ist immer derselbe: fehlende Toleranz. An ihr mangelt es in Konflikten entweder auf der einen oder auf der anderen Seite. Im vorliegenden Fall ist eindeutig Abdul B. intolerant und gewalttätig. Nochmals: Münden Konflikte in Gewalt oder gar in Krieg, haben letztlich beide Seiten in der Frage der demokratischen, d. h. begrenzten Toleranz irgendwo versagt. Dieses „Irgendwo“ in der Denkweise, also das Spektrum, wo beide Parteien falsch liegen und zugleich unbewusst eine kämpferische Verbindung erzeugen, zu finden, ist eine große Herausforderung. 

Fazit

Insgesamt zeigt sich, dass unsere offene und liberale Gesellschaft mit deutlich mehr Gegnern konfrontiert ist und zugleich Schwachstellen hat, als dies gewöhnlich angenommen und diskutiert wird. Eine davon ist offenbar das immer größere Kreise ziehende Identitätsdenken. 

Falsch ist ein solches Denken insofern, als es die Wirklichkeit maßlos vereinfacht. Solche Ideologien ordnen Individuen Gruppen zu und leiten daraus Freund und Feind, Gut und Böse oder Opfer und Täter ohne Grundlage ab, ja sie konstruieren sie regelrecht. 

Ein Beispiel für ein latentes oder verkanntes Identitätsdenken in unserem Alltag: 

„Wir wollen für unsere Bürgerinnen und Bürger und unsere Unternehmerinnen und Unternehmer und Unternehmen eine serviceorientierte Verwaltung sein. Das sagt sie mit ihrem eigenen Mund, die Frau Direktor.“ (Elfriede Jelinek: Unter Tieren. Rowohlt, 2026. S. 206)

Der Terrorismus zeigt diese Logik in ihrer extremen Form. Der einzelne Mensch zählt nicht mehr, entscheidend ist allein seine angebliche Identität. „Wenn Identität“ – so können wir mit Markus Gabriel treffend sagen – „gegen Identität in einem Kampf des Anerkennens steht, gewinnt naturgemäß der Stärkere. Der Stärkere ist dabei ebenso naturgemäß derjenige, der sich implizit oder auch explizit auf diejenigen Diskriminierungssysteme stützen kann, die vom progressiv-aktivistischen Lager kritisiert wurden.“ (Gabriel, M. (2025): Moralische Tatsachen. 2025. S. 185.)

Das Leben ist allerdings alles andere als ein Entwurf, es ist vielmehr ein Verlauf, eine Geschichte, kurz ein Habitus, wie Pierre Bourdieu mehrmals erklären versuchte. „Während man sich beliebig viele Identitäten anlegen und sie ohne Wahrheitsgehalt beliebig, ja täglich variieren und verkünden kann, kann man nur einen Habitus, ein ‚körpergewordenes Bewusstsein‘ haben. Im Jahr 2000, zwei Jahre vor seinem Tod, definiert Bourdieu den Habitus etwas weniger abstrakt. In einem Interview sagt er:

‚Ich habe versucht zu sagen, dass das ‚Subjekt‘ sozialer Handlungen – ich verwende
dieses Wort in Anführungszeichen – kein Subjekt ist, kein bewusstes
‚Ich‘, das sich explizite Ziele setzt, seine Mittel in Abhängigkeit von diesen
explizit gesetzten Zielen kalkuliert usw. Es ist kein rationaler Akteur – was
nicht heißen soll, dass er ein Mechanismus ist, der automatisch wie eine Maschine
auf äußere Stimuli reagiert. Also ist das, was ich einen Habitus nenne,
eine inkorporierte Geschichte, eine körpergewordene Geschichte, eingeschrieben
in das Gehirn, aber auch in die Falten des Körpers, die Gesten, die
Sprechweisen, den Akzent, die Aussprache, die Ticks – in alles, was wir sind.
Diese inkorporierte Geschichte ist der Ursprung, von dem aus wir antworten.‘“
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Was lernen wir aus Berlin? Dass selbst gut gemeintes Identitätsdenken, das im öffentlichen und politischen Raum als wichtig gilt, zahlreiche ungewollte Nebeneffekte hat. Die Flamme dieses Weltbezugs kleiner zu drehen, wäre äußerst ratsam, denn er polarisiert und radikalisiert mitten in der Vielfalt ungemein. Es gibt Themen, die wichtiger sind, wie etwa die durch die Handywelt und den beschleunigten Wettbewerbsgeist der letzten Jahrzehnte maßgeblich zurückgedrängte und geschrumpfte Beziehungsfähigkeit der Menschen. Es wäre lohnenswert, dies gründlich zu untersuchen. Die dafür notwendigen Mittel sind vorhanden. Diese Mittel nennen wir humanistische Bildung, Kunst, Religion und Kultur und sie sind in den entsprechenden Feldern hierzulande reichlich vorhanden, sie sind aber (aus den genannten Gründen) bei weitem nicht hinreichend bekannt. 

  1. Bourdieu, P. (2001). Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung,
    Schule und Politik. S. 165. Zitiert nach Peter et al: Schule an der Grenze der Toleranz. Springer. S. 9-10 ff. ↩︎

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