Ein alter Hut: Warum wir neue Begriffe des Zusammenlebens brauchen

Die Integrationsdebatte ist mittlerweile ein alter Hut. In Expertenkreisen ebenso wie am Stammtisch wird aber immer noch darüber diskutiert, wer integriert ist, wer sich integrieren soll und welche Integrationsmaßnahmen dafür notwendig sind. Dabei entsteht leicht der Eindruck, als ließe sich das Gelingen einer demokratischen Gesellschaft vor allem an der Anzahl der integrierten Zuwanderer erklären.

Der Integrationsbegriff beschreibt Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Institutionen und die Teilhabe am öffentlichen Leben. All das ist auf den ersten Blick von großer Bedeutung. Dennoch bleibt eine grundlegende Frage unbeantwortet: Wie gestalten Menschen ihre Beziehungen zueinander, heißt auch zur Gesellschaft, in der sie leben, und zwar jenseits ihrer Herkunft und formalen Bildung?

Intolerantes, rücksichtsloses und demokratiefeindliches Handeln, das üblicherweise nicht integrierten Menschen nachgesagt wird, kommt auch in den „besten Familien“ vor, sprich bei „Einheimischen“ und vollständig integrierten Personen. Das Verhältnis zur Demokratie hängt also nicht allein davon ab, ob jemand als integriert gilt oder nicht. Deshalb scheint es zielführender, den Begriff der sozialen Beziehungsfähigkeit stärker in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Analysen zu rücken. 

Der Begriff beschreibt die Qualität der Beziehungen, die Menschen zu anderen Individuen, zu Gemeinschaften, Institutionen, Tieren, zur Natur – also zur Welt insgesamt – entwickeln. Er umfasst nicht nur die Frage, ob jemand „dazugehört“ oder nicht, sondern was Menschen bejahen, ablehnen oder als fremd erfahren und wie sie mit alldem umgehen. Ein beziehungsfähiger Mensch begegnet kultureller, sozialer und weltanschaulicher Vielfalt mit Respekt, versucht, Konflikte durch Dialog zu lösen, und orientiert sein Handeln nicht an Status oder Erfolg. Er verbindet Autonomie mit moralischer Verantwortung und Rücksicht.

Damit verschiebt sich der Blickwinkel: Nicht Integration (und damit immer auch Migration) wird ins Zentrum der Betrachtung gerückt, sondern die Beziehungsfähigkeit aller gesellschaftlichen Akteure: Welche Werte vertreten sie? Wie gehen sie mit Andersdenkenden um? Welche Formen des Zusammenlebens fördern sie? 

Gerade in einer pluralistischen Demokratie erscheint diese Perspektive vielversprechend. Demokratisches Zusammenleben setzt keine Gleichförmigkeit voraus. Aber es verlangt die Fähigkeit, das Gemeinsame wichtiger werden zu lassen als das Trennende.

Vielleicht sollten wir deshalb künftig nicht mehr nur fragen, wie Integration gelingt, sondern vor allem, welche Formen der Beziehungsfähigkeit es unbedingt braucht, damit unser Zusammenleben klappt. Eine demokratische Gesellschaft benötigt mittlerweile mehr als ein Integrationsbarometer. Sie braucht Bildungseinrichtungen, die uns – ja, uns allen – beibringen, friedfertige und moralisch tragfähige Beziehungen aufzubauen, Unterschiede sachlich zu meistern, gemeinsame Ziele zu entwickeln und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

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