„Im Fußball gibt es keine Ethnien, keine Religionen, keine verschiedenen Kulturen. Im Moment, in dem wir dasselbe Dress anhaben oder für dieselbe Mannschaft jubeln, sind wir gleich. Das sollte man sich hinter die Ohren schreiben oder überallhin, wo es sichtbar ist: Miteinander können wir sehr viel mehr erreichen als gegeneinander.“ (vgl. kontrast.at)
Mit diesen engagierten Worten brachte der Fußballspieler Michael Gregoritsch eine Erfahrung auf den Punkt, die weit über die Fußballwelt hinausweist. Der Satz beschreibt die Grundhaltung einer Mannschaft und verweist zugleich kritisch auf so manches Problemfeld des menschlichen Zusammenlebens.
Gregoritsch ist felsenfest überzeugt, dass man ethnische, religiöse und kulturelle Unterschiede sowie die damit einhergehenden Konflikte in den Hintergrund treten lassen kann. Dazu muss man lediglich das Einende und nicht das Trennende in den Mittelpunkt stellen. Nicht für alle, aber für die meisten Fußballmannschaften ist diese Haltung gelebte Realität; gesellschaftlich betrachtet erscheint sie hingegen oft als Utopie – oder als eine Art Hirngespinst. Warum eigentlich?
Gregoritschs Botschaft lässt sich auf die Dimension menschlichen Zusammenlebens übertragen. Die von ihm auf den Punkt gebrachte Form des Miteinanders ist außerhalb des Fußballplatzes keineswegs selbstverständlich, wohl aber möglich und wünschenswert. Das ist seine Utopie. Hat man „dasselbe Dress“ an, das heißt, hat man eine gebündelte Sichtweise und eine tragfähige Zielsetzung, so tritt das Einende von selbst in den Vordergrund. Diese auf Gemeinsamkeiten fokussierende Haltung, die im Fußball Alltag ist, vermisst er in der Gesellschaft.
Das hat seine Gründe: Wo zum Beispiel finden sich in unserer Gesellschaft die gemeinsamen Ziele? (Im Fußball wäre das der Sieg. Oder zumindest ein gutes Spiel.) Wir wissen zwar, was die Politik der Bevölkerung an „Zielen“ über die Medien ausrichtet. Weit weniger wissen wir jedoch darüber, was die Bevölkerung selbst für erstrebenswert hält – diese Präferenzen wurden bislang nur unzureichend erschlossen. Diese asynchrone Erkenntnislage – hier die Zielsetzungen der Macht, dort jene der Bevölkerung – gibt es im Fußball in dieser Form nicht. Sie stellt aber einen der offensichtlichsten Gründe für viele gesellschaftliche Unzufriedenheiten, Spaltungen und Konflikte dar.
Wenn wir den ersten Teil von Gregoritsch’ Stellungnahme leicht abändern, erkennen wir weiters: Ethnien, Religionen und Kulturen können trotz vermeintlicher oder realer Unterschiede miteinander – oder zumindest nebeneinander – gut und erfolgreich leben. Es gibt jedoch (österreich- und weltweit) auch einige, denen dies nicht gelingt und die in vielen Fällen sogar Krieg führen. Der Grund ist im Kern immer derselbe: fehlende Toleranz. An ihr mangelt es entweder auf der einen oder auf der anderen Seite. Münden Konflikte in Gewalt oder gar in Krieg, haben letztlich beide Seiten in der Frage der demokratischen Toleranz eindeutig versagt. Und demokratische Toleranz war immer schon und bleibt weiterhin eine Bildungsfrage.
Die Frage des Wettbewerbs
Freilich ist auch der Sport nicht frei von Problemen; auch er existiert nicht im luftleeren Raum. Dennoch stellt er ein relativ autonomes Feld dar, vergleichbar mit Kunst und Wissenschaft. Seine Spielregeln werden weder von der Wirtschaft noch von der Politik vorgegeben. Von der Politik, vor allem aber von der Wirtschaft, war und ist er jedoch alles andere als unabhängig und frei – von Feldern also, in denen Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls als Tugend gilt.
Elfriede Jelinek hat in ihrem Sportstück zu Recht und mit aller Schärfe darauf hingewiesen, dass alle Wettkämpfe leicht in Überbietung, Machtdemonstration und Gewalt münden können. Tatsächlich ist Wettbewerb an sich problematisch – das weiter zu erörtern, wäre ein eigener Essay. Es muss allerdings daran erinnert werden, dass wenigstens zwischen weniger problematischen und hochproblematischen Formen des Wettbewerbs unterschieden werden kann und muss. Es macht einen Unterschied, ob gegnerische Mannschaften auf dem Fußballplatz konkurrieren, Musiker auf einer Konzertbühne oder Wissenschaftler auf ihrem Sachgebiet. Das kann durchaus fruchtbar sein. Anders sieht die Sache aus, wenn sich Staaten in Aufrüstungsspiralen und Unternehmen auf Kosten von Gesundheit, Natur und Frieden gegenseitig zu übertreffen versuchen.
Zwar gehört auch im Fußball der Wettbewerb zum Wesen des Spiels, doch richtet er sich in erster Linie nach außen, zielt auf das gegnerische Team ab, das allerdings kein Feind ist. Der Wettbewerb ist hier ein Mittel zu einem moralisch vertretbaren Zweck, der vor allem zur Erhöhung von Spannung, Leidenschaft und Resonanz beiträgt.
Innerhalb der eigenen Mannschaft gelten andere Regeln, und gerade diese sind gesellschaftlich ausschlaggebend. Wer im eigenen Team egoistisch spielt, gefährdet den gemeinschaftlichen Erfolg. Kooperation, Kreativität, kurz: vielseitige Beziehungsfähigkeit, ja Teamgeist sind deshalb mindestens ebenso wichtig wie individuelle Leistung.
Darüber hinaus erfüllt der Sport – bei aller berechtigten Kritik – weitere wesentliche Funktionen. Insbesondere Fußball erzeugt ein soziales Kräftefeld, das Millionen Menschen Freude bereitet, Gemeinschaft fördert und Begeisterung stiftet sowie verstärkt. Das ist mit ein Grund, weshalb Spitzensportler hervorragend bezahlt werden und der Sport als Aushängeschild auch politisch instrumentalisiert wird – ein berechtigter Kritikpunkt.
Schließlich zeigt der Fußball aber auch, dass erfolgreiche Zusammenarbeit und Freude an der gemeinsamen Sache, ja am Leben selbst, weit mehr verlangen als bloße Regelbefolgung und Anpassung. Der Fußballplatz ist einer der wenigen Orte, an dem gemeinschaftliche Kreativität gefordert ist. Zugleich ist er ein Ort, den viele und sehr unterschiedliche Menschen freiwillig aufsuchen. Herkunft, Religion, Bildung und Kultur spielen so gut wie keine Rolle. In die Welt des Sports muss niemand von außen integriert werden. Es braucht keine kostspieligen Maßnahmen, es passiert von selbst.
Die Fußballwelt zieht Menschen magisch an – oder eben nicht. Manche erfolgreichen Fußballspieler haben selbst ebenfalls etwas Magisches und zugleich zutiefst Menschliches an sich – sie werden zu Legenden. Eines trifft offenbar immer auf sie zu: Es handelt sich um Menschen, die in der jeweiligen Spielsituation passend zu handeln wissen. Sie sind „beziehungsfähig“ im wahrsten Sinne des Wortes – denn Fußball ist Teamsport und wird im besten Fall zum Vor- und Abbild des menschlichen Zusammenlebens, ja der Gesellschaft.
Wien, am 10. Juli