
Technologisch entwickeln wir uns rasant weiter, gesellschaftlich hingegen scheinen wir zunehmend in aggressive Lagerbildungen zurückzufallen. Kriege, Polarisierung, Identitätskonflikte und gesellschaftliche Gereiztheit prägen das Bild. Thomas Hobbes’ alte These, wonach Menschen einander bekämpfen, weil sie dasselbe begehren, wirkt heute erstaunlich aktuell.
Der Mensch von heute strebt vor allem nach zwei Dingen: nach materiellem Wohlstand und Identität. Warum? Um sich abzuheben und um etwas zu bedeuten, und zwar anhand von Dingen, die entweder rar sind oder gar nicht existieren. Besitz und ökonomische Sicherheit, bilden jedenfalls den zentralen Orientierungspunkt unserer Gegenwart.
Gleichzeitig erlebt die kollektive Identität – national, religiös, geschlechtlich oder kulturell – eine bemerkenswerte Renaissance. Dabei wird häufig übersehen, dass Identifikation und Identität nicht dasselbe sind. Menschen können sich mit Nationen, Religionen oder kulturellen Traditionen identifizieren oder sie lieben. Doch daraus folgt nicht, dass sie mit diesen tatsächlich identisch wären. Problematisch wird es dort, wo Identität essentialistisch verstanden wird – als etwas Absolutes, Naturgegebenes, im Blut Konserviertes. Gerade darin liegt ein erheblicher Teil des weltweiten Konfliktpotenzials. Und weder private Lebenswelten noch das politische Feld inklusive seiner Bildungseinrichtungen bleiben von diesem Identitätsdenken und den zuvor angesprochenen ökonomischen Meta-Einflüssen unberührt.
Hinzu kommt eine Entwicklung, die oft unterschätzt wird: der schleichende Verlust humanistischer Bildung und das zunehmende Verschwinden ihrer Reichweite. Schulen und Universitäten vermitteln heute primär Kompetenzen. Effizienz, Verwertbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit dominieren zunehmend das Bildungssystem. Was dabei in den Hintergrund gerät, ist die Fähigkeit, intakte Beziehungen zur Welt verantwortungsvoll zu gestalten.
Beziehungsfähigkeit
Bildung erschöpft sich nicht in technischer oder ökonomischer Leistungsfähigkeit. Demokratie und das gelingende Leben benötigen mehr als Kompetenzen. Sie brauchen Menschen, die fähig sind, Unterschiede friedlich zu meistern, Konflikte respektvoll auszutragen und andere nicht bloß als Gegner oder Objekte wahrzunehmen.
Genau hier gewinnt der Begriff der Beziehungsfähigkeit an Bedeutung. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Menschen, Natur und Gesellschaft in einem Modus lebendiger, respektvoller und nicht bloß instrumenteller Beziehung zu begegnen. Eine friedfertige Gesellschaft kann langfristig nur bestehen, wenn sie auf solchen Beziehungen aufbaut.
Damit verbunden ist die Frage der Toleranz. Sie bedeutet weder grenzenlose Wertschätzung noch Gleichgültigkeit – Toleranz ist ein Abwägen. Zugrunde liegen sollte ihr entweder eine gut begründete Akzeptanz oder eine respektvolle Zurückweisung von ungerechten Handlungen. Respekt liegt in den universalen Menschenrechten begründet und bildet die unterste Grenze der Toleranz. Und Intoleranz beginnt genau dort, wo Respekt endet.
Derzeit dominieren zwei gegensätzliche Entwicklungen: Auf der einen Seite steht ein relativistischer Zugang, der nahezu alles akzeptieren möchte; auf der anderen Seite ein aggressiver Leitkulturalismus, der alles Fremde zurückweist. Beide Haltungen tragen zur gesellschaftlichen Polarisierung bei. Die eine erzeugt die andere, und dazwischen herrscht eine Leere: Diplomatie und demokratische Toleranz sind so gut wie abwesend.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie kann eine demokratische Kultur entstehen, die weder in Relativismus noch in autoritäre Identitätspolitik abgleitet?
Eine mögliche Antwort liegt in der Rückgewinnung humanistischer Räume, Lesewelten und Plätze praktischer Erkenntnisse, in der Förderung und nicht in der Einengung dieser Räume. Schulen sollten nicht ausschließlich Orte der Kompetenzvermittlung sein, sondern Räume, in denen demokratische Beziehungsfähigkeit eingeübt wird. Kunst, Kultur, Ethik und philosophische Reflexion sind keine Nebensächlichkeiten. Sie gehören zum Fundament des freien Denkens und Lebens. Und damit zu den tragendenden Säulen der Demokratie.
Zurückeroberung verlorener Weltsphären
Für eine demokratische Toleranzhaltung gibt es im Alltag also keine Mehrheit – und das ist ein Versagen der Medien- und Bildungspolitik. In keinem Schulbuch findet sich auch nur eine einzige brauchbare Erklärung für Toleranz. Diese Leerstelle spiegelt das weltweite Bildungsproblem wider, mit dem viele Krisen zusammenhängen. Im Laufe der letzten 25 Jahre wurde eine weltübergreifende kompetenzorientierte Pädagogik etabliert, die den Humanismus und unser Gespür für das Gute verdrängt hat.
Wenn diese Kompetenzpädagogik nicht bald grundlegend überdacht wird, wird das kein gutes Ende nehmen. Und wenn der Humanismus nicht rasch an Einfluss gewinnt, ebenfalls. Damit das nicht passiert, sollte die akademische Welt – als eine Art letzte Hoffnung – beizeiten Mut fassen und ihr Terrain von der derzeit spielbestimmenden kulturell armen, aber ökonomisch reichen und somit durch ihre Medien einflussreichen Elite zurückerobern, anstatt zu schweigen.
Wenn Demokratien ihre Existenz bewahren wollen und wenn Frieden tatsächlich erwünscht ist, werden sie sich künftig stärker mit der Frage der Menschlichkeit und Beziehungsfähigkeit beschäftigen müssen, und zwar im öffentlichen Raum. Ein solcher Diskurs muss außerdem möglichst herrschaftsfrei sein, das heißt, jenseits der gesellschaftlichen Positionen, unabhängig von Herkunft und Integrationsleistung der Beteiligten über die Bühne gehen. Denn ein gelingendes Weltverhältnis bedarf in der heutigen schnelllebigen Zeit und im engen Raum nicht nur demokratischer Grundrechte, Vorschriften etc., sondern entsprechender Beziehungsfähigkeit; eine Fähigkeit, die nicht oder mangelhaft vorhanden ist und sich auch niemals ohne die unterstützende Kraft des transnationalen und interdisziplinären Felds der Kulturproduktion sowie -Rezeption (Humanwissenschaften, Kunst, Religion etc.) und lebendiger Erfahrung, Erkenntnis des Alltags herstellen lässt.