Thomas Hobbes stellte bereits vor mehr als 350 Jahren die These auf, dass sich die Menschen gegenseitig bekämpfen, weil sie das Gleiche begehren. Gleichheit im Denken und Handeln bedeutet nach Hobbes also nicht Frieden, sondern Krieg.
Tatsächlich fördern Ähnlichkeiten sowohl soziale als auch physische Nähe und –wenn sie die entsprechende Qualität und Distanz aufweisen – Wärme, ansonsten jedoch schmerzhafte Verletzungen.
Vor einigen Jahren schien es, als hätten wir diesen Umstand einigermaßen verstanden; heute sehen wir, dass sich die Menschheit zwar technologisch, medizinisch etc. weiterentwickelt hat, mental aber weiterhin im kämpferischen Urzustand verharrt. Wir sind immer noch beziehungsunfähig, sowohl als Gemeinschaft als auch als Individuum. Wir bekämpfen uns gegenseitig, zerstören die Natur und führen Kriege – anscheinend hat Hobbes weiterhin recht.
Der Kampf in der obersten Sphäre der Macht
Die Welt sehnt sich derzeit hauptsächlich nach materiellen Gütern. Besitz und Wohlstand stehen im Mittelpunkt. Dieser Aspekt, gepaart mit der Sehnsucht nach „Identität“, hat derzeit absolute Priorität – im Kleinen wie im Großen. Es wundert daher nicht, dass manche Theoretiker vom „Kapitalozän“ und Zeitalter der „Identität“ sprechen.
Die Anhäufung von ökonomischem Kapital erfordert konkrete Schritte und Anstrengungen. Kein Mittel darf dabei fehlen: Politik, Wissenschaft, Technologien, KI, das Militär und nicht zuletzt Bildungseinrichtungen werden von einer scheinbar unsichtbaren Hand mobilisiert, um knappe Naturressourcen schnell und effektiv auszubeuten.
Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der die kollektive Identität – vor allem geschlechtliche, nationale und religiöse – erstaunliche Beliebtheit genießt; eine Haltung, die einer steinzeitlichen Sippenmentalität gleichkommt. Weder private Lebenswelten noch das politische Feld, inklusive seiner Bildungseinrichtungen, bleiben von diesen und den ökonomischen, diskursiv-institutionell verankerten Meta-Einflüssen unberührt.

Identität
Die Frage der Identität, die oft als schützenswerte Kultur daherkommt, bedarf einer kurzen Erläuterung. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass eine unbewusste Ähnlichkeit im Denken über Identität bei allen kriegführenden Ländern (neben den ökonomischen Interessen) im Vordergrund steht.
Identifikation und Identität sind nicht dasselbe. Ich kann mich mit etwas sehr wohl identifizieren, aber tatsächlich und vor allem willentlich identisch kann ich etwa mit einer Nation, einem Geschlecht oder einer Religion nicht sein. Wenn es eine legitime Identität gibt, dann sind es die Angaben in meinem Personalausweis und dass ich ein Mensch wie alle anderen bin. Alles andere ist stets eine ideologisch-essentialistische Behauptung.
Um das zu illustrieren, kehren wir am besten vor der eigenen Tür. Eines aber vorweg: Zum Glück gibt es hierzulande keine etablierte Identitätskult. Jedenfalls noch nicht. Das hat gute historische Gründe. Aber Gender- und Leitkulturdebatten gibt es. Obwohl derzeit niemand sagen kann, was „Leitkultur“ ist. Um sie zu finden, müsste man den österreichischen Habitus, früher (von Erwin Ringel) „Seele“ genannt, rekonstruieren. Um den Habitus einer Gesellschaft – das, was sie im Wesentlichen ausmacht, ihr kollektives Bewusstsein oder einfach ihren nationalen Charakter – zu erfassen, bräuchte es eine umfassende soziologisch-historische Forschung. Ist kein Interesse für eine solche Erkenntnis vorhanden, ist das nicht tragisch, denn solches Wissen ist in Wahrheit sekundär.
Mehr Beziehungsfähigkeit
Das Spannende an Hobbes’ These ist, dass wir in Wahrheit nicht gleich sind und auch nicht das Gleiche begehren, aber durch den starken Einfluss von Diskursen, Narrativen und Erzählungen mit großer Reichweite immer mehr das Gleiche begehren und folglich miteinander kämpfen. Dazu stellt sich folgende Frage: Würden wir friedfertiger und besser leben, wenn der humanistische Diskurs, der grundsätzlich Beziehungsfähigkeit im weitesten Sinne fordert, die stärkste und einflussreichste Kraft auf der Erde wäre?
Ein weiteres Problem ist, dass wir in einer Welt leben, in der viele Menschen die oben skizzierte Problematik der Machverhältnisse nicht wahrnehmen können und andere wiederum mit allem, was sie falsch finden, entweder gleichgültig, relativistisch oder intolerant umgehen. Das kann nicht als nachhaltige, demokratiefördernde soziale Beziehungsfähigkeit bezeichnet werden.
Ein gelingendes Weltverhältnis definiert sich vor allem über die Qualität der Beziehungen zu Menschen, Objekten und zur Welt insgesamt. Entscheidend ist dabei die Fähigkeit, der Welt in einem Modus offener, nicht verdinglichender, sondern verbindender, lebendiger Interaktion zu begegnen. Beziehungsfähigkeit ist also eine Tugend, die – sich an universellen Menschenrechten orientierend – fähig ist, respektvoll zu handeln und möglichst offen, autonom sowie kreativ mit der Welt in Beziehung zu treten.
Politische Toleranz
Konflikte lassen sich ohne Toleranz nicht lösen. Die Mehrheit der Bevölkerung liberaler Gesellschaften glaubt, dass Toleranz ein Instrument der entgrenzten Wertschätzung sei. Das hat historische Gründe und hängt oft mit einem inkorporierten schlechten Gewissen der Spät- oder Postmoderne, mit ihrer Kolonialgeschichte zusammen. In Deutschland sowie hierzulande haben wir es darüber hinaus mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu tun – mit einem Habitusbruch, mit einer mentalen Wandlung in der Nachkriegszeit. Der sprichwörtliche gute Mensch von Österreich und Deutschland entstand Ende des 20. Jahrhunderts.
Am aufstrebenden Pol des politischen Feldes liberaler Demokratien und in autokratischen Ländern verhält es sich spiegelverkehrt: Dort gibt es kein schlechtes Gewissen, keine Erinnerungskultur und man lehnt im Namen eines meist überzogenen Leitkulturalismus alles Fremde ab – oft nur deshalb, weil die anderen alles wertschätzen! Im Grunde ist der Aufstieg rechter Parteien in diesem Umstand zu verorten.
Beide Kräfte liegen falsch. Nachhaltige, demokratiepolitisch relevante Toleranz sollte keine ethnische, religiöse oder geschlechtliche „Identität“ unreflektiert wertschätzen müssen, wie es etablierte linke Parteien täglich verkünden. Der Toleranz zugrunde liegen sollte entweder eine gut begründete Akzeptanz oder respektvolle Zurückweisung von ungerechten Handlungen. Respekt liegt in den universalen Menschenrechten begründet, die besagen, dass jeder Mensch allen anderen Menschen vor dem Gesetz gleich ist, auch wenn er darüber hinaus anders leben möchte. Respekt ist somit die unterste Grenze der Toleranz. Die Intoleranz und damit auch der Krieg beginnen genau dort, wo Respekt und Würde enden.
Zurückeroberung verlorener Welten
Für eine demokratische Toleranzhaltung gibt es im Alltag keine Mehrheit – und das ist ein Versagen der Medien- und Bildungspolitik. In keinem Schulbuch findet sich auch nur eine einzige brauchbare Erklärung für Toleranz. Diese Leerstelle spiegelt das weltweite Bildungsproblem wider, mit dem viele Krisen zusammenhängen. Im Laufe der letzten 25 Jahre wurde eine weltübergreifende kompetenzorientierte Pädagogik etabliert, die den Humanismus und unser Gespür für das Gute verdrängt hat.
Wenn diese Kompetenzpädagogik nicht bald grundlegend überdacht wird, wird das kein gutes Ende nehmen. Und wenn der Humanismus nicht rasch an Einfluss gewinnt, ebenfalls. Damit das nicht passiert, sollte die akademische Welt – als eine Art letzte Hoffnung – beizeiten Mut fassen und ihr Terrain von der derzeit spielbestimmenden kulturell armen, aber ökonomisch reichen und somit durch ihre Medien einflussreichen Elite zurückerobern, anstatt zu schweigen.