Verschaffen wir den leisen Stimmen endlich Gehör!

Plädoyer für mehr Engagement in der akademischen Welt

Die Welt begehrt vorwiegend materielle Güter. Besitz und Wohlstand stehen überall im Vordergrund. Dieser Aspekt hat derzeit absolute Priorität. Um dieses Ziel zu erreichen, werden alle Kräfte – Wissenschaft, Technologien, KI, das Militär und nicht zuletzt Bildungseinrichtungen – mobilisiert. Das Rennen um die für den Wohlstand notwendigen natürlichen Ressourcen muss gewonnen werden, koste es, was es wolle. Das gilt wie ein Naturgesetz, global und natürlich auch bei uns.

Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der die Qualität der zwischenmenschlichen und zwischenweltlichen Beziehungen einen alarmierenden Tiefstand erreicht hat, vergleichbar mit der Situation, die Ödön von Horvath bereits vor rund 100 Jahren in seinem Roman „Jugend ohne Gott“ beschreibt. 

Krieg und Gewalt 

Wir leben in einer Welt, in der die Menschen dem, was sie begehren, keinen Raum lassen, sondern vollständig besitzen wollen. Ein Umstand, der unweigerlich dazu führt, dass uns die Welt nicht vertrauter wird, sondern weiter von uns wegrückt. Das ersehnte Naheverhältnis zu den Menschen, den Dingen und der Natur entpuppt sich zunehmend als Entfremdung, weil der Wille, alles unter Kontrolle zu bringen, jegliche Beziehung im Keim erstickt. Intakte Beziehungen sind nur möglich, wenn wir den Aspekt des Nicht-alles-haben-Könnens, akzeptieren (vgl. H. Rosa: Unverfügbarkeit). Denn überall, wo der Mensch Allmacht anstrebt, sind Aggression, Gewalt und Krieg die Folgen. 

Außerdem leben wir in einer Welt, in der viele Menschen mit allem, was sie falsch finden, gleichgültig und relativistisch umgehen. Im westlichen Teil der EU erfreuen sich Vielfalt und Wertschätzung aller Kulturen großer Beliebtheit, im östlichen Teil weniger. Europa ist in Summe der „Kontinent ohne Eigenschaften“ geworden: immer im Strom schwimmend, seine herausragenden Eigenschaften verloren habend, wie der Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk in seinem gleichnamigen Buch darlegt. 

Zwischen den Extremen (Aggression, Gleichgültigkeit, Beliebigkeit) gibt es seit Jahren wenig Bewegung: Diplomatie und der humanistische Blick auf die Welt sind kaum vertreten. Daraus ergibt sich automatisch der aktuelle Weltzustand: Staaten fühlen sich von bösen Kräften bedroht und klammern sich an die Mittel des Krieges als einzigen Ausweg. Die Krise der Welt ist damit perfekt. Was also tun? 

Zurückeroberung verlorener Welten 

Beziehungskrisen lassen sich ohne Toleranz nicht lösen. Ungeachtet dessen muss man jenseits der Fachwelt lange suchen, bis man auf Menschen trifft, die sagen können, um was es dabei eigentlich geht. Die Mehrheit der Bevölkerung liberaler Gesellschaften glaubt, dass Toleranz ein Instrument der Wertschätzung sei. Das entsprechende Credo lautet: „Je mehr Kulturen du wertschätzt, umso toleranter bist du, also ein umso besserer Mensch.“ 

Am etablierten Pol des politischen Feldes ist es nicht anders. Am aufstrebenden Pol unserer hiesigen Politik und in den autokratischen Ländern verhält es sich beinahe spiegelverkehrt: Da lehnt man in Namen eines überzogenen Leitkulturalismus alles Fremde ab – und zwar deshalb, weil die anderen alles wertschätzen! Das ist Politik. Im Grunde ist der Aufstieg rechter Parteien in diesem Umstand zu verorten. 

Beide Kräfte liegen aber falsch. Nachhaltige, demokratiepolitisch relevante Toleranz sollte weder eine ethnische, religiöse oder geschlechtliche „Identität“ (die stets eine von der Politik vereinnahmte Illusion ist) ertragen noch alle wertschätzen müssen, wie es etablierte europäische Parteien täglich verkünden. Der Toleranz zugrunde liegen sollte eine respektvolle, gut begründete Zurückweisung von ungerechten oder intolerant empfundenen Werten. Respekt liegt in den universalen Menschenrechten begründet, die besagen, dass jeder Mensch allen anderen Menschen gleich ist, auch wenn Ersterer abweichend handelt oder anders ist. Respekt ist die unterste Grenze der Toleranz. Die Intoleranz beginnt genau dort, wo der Respekt endet. Es ist daher ratsam, unter der Minimalanforderung der Toleranz schlicht und einfach Respekt zu verstehen. Das allein würde schon für den Frieden reichen.

Langsam gilt es einzusehen, dass uns – weil per Gesetz nicht alles geregelt werden kann – als Instrument der Konfliktregelung allein die Toleranz bleibt – wenn sie richtig verstanden wird. Sie sollte stets rechtlich abgesichert sein und sachlich formuliert. Moderne sozial relevante Toleranz bedeutet abzuwägen. Dazu braucht es allerdings ein Verfahren, ein präzises Instrument des fundierten Messens, sprich: gute Gründe für Akzeptanz oder Zurückweisung umstrittener Handlungen, zum Beispiel des Tragens des Kopftuches in der Schule und vieles mehr. 

Misslungene Bildungspolitik

Für eine sachliche und demokratische Toleranzhaltung gibt es im Alltag keine Mehrheit, und das ist ein Versagen der Medien- und Bildungspolitik. Wir könnten alle Schulbücher durchforsten: In keinem davon findet sich auch nur eine einzige brauchbare Erklärung für Toleranz. Diese Leerstelle spiegelt das weltweite Bildungsproblem wider, mit dem alle anderen Krisen zusammenhängen. Im Laufe der letzten 25 Jahre wurde eine weltübergreifende kompetenzorientierte Pädagogik etabliert, die den Humanismus und unser Gespür für das Gute aus vielen Köpfen – und Herzen – verdrängt hat. 

Die Meta-Ursache des labilen Weltzustandes lautet: misslungene Bildungspolitik. Wenn diese Kompetenzpädagogik nicht bald grundlegend überdacht wird, so wird das kein gutes Ende nehmen. Und wenn der Humanismus gegenüber der Macht des Geldes und allem, was man damit verbindet (technologischer Fortschritt, Wachstum etc.), nicht rasch an Einfluss gewinnt, werden wir kläglich scheitern. 

Damit das nicht passiert, sollte die akademische Welt endlich Mut fassen und ihr Terrain von der derzeit spielbestimmenden, kulturell armen, aber ökonomisch und an Einfluss reichen Elite zurückerobern, anstatt zu schweigen.

Sparen 

Wenigstens ein sich liberal nennender Staat sollte sich in Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Religion wiedererkennen können. In diesem Feld, das wir Kultur nennen, jenem Ort für Ideen und Visionen, der unterschätzt und an Mitteln ausgehungert wird. Obgleich der Glaube, durch das Ankurbeln von Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit das Wichtigste getan zu haben, für die Politik immer schon ausschlaggebend war, scheint er sich heutzutage zum unverrückbaren Dogma gewandelt zu haben. 

An die Wirtschaft und Politik! 

Geben Sie auch den leisen Stimmen des Landes eine Chance! Fördern Sie weiterhin Kunst und Kultur, sogar stärker als bisher, vor allem in den Bildungseinrichtungen und öffentlichen Räumen. Denn Kultur ist eine Quelle, die freies Denken, kreatives Handeln und Beziehungsfähigkeit speist.

Homo academicus

Die Stimme der Kulturproduzenten war immer schon viel zu leise, selbst dort, wo sie entsprechend dotiert ist. Lautstark, mutig und entschlossen war der Homo academicus, wie ihn Pierre Bourdieu kritisch beschrieben hat, leider nie. Er bringt sich seit eh und je zu wenig ein. In die Politik geht er nicht und er engagiert sich viel zu selten. Und das ist nun zu einem wesentlichen Problem der Demokratie geworden. Die Mehrheit der im Feld der Kulturproduktion (Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Religion etc.) tätigen Menschen scheint vor sich hin zu dösen, als wäre alles in bester Ordnung. Der Homo academicus sollte aber endlich aufwachen und handeln, die Welt mitgestalten, vor allem die Reichweite der Philosophie und Kunst, erweitern.

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