Wie beziehungsfähig sind wir eigentlich?

– Plädoyer für eine humanistische Beziehungswende

Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, wie gut Menschen mit Migrationshintergrund „integriert“ sind. Man untersucht ihre Einstellungen, ihre Religion, ihre Werte, ihre Zugehörigkeit und ihre „Identität“. Aber warum werden solche Fragen mit besonderer Beharrlichkeit bestimmten Menschen gestellt? Was steckt dahinter? Wie aussagekräftig sind die Antworten? Und haben sie etwas gebracht?

Die Bilanz ist ernüchternd: Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sind trotz all dieser Untersuchungen schärfer geworden. Die einen fordern mehr Strenge und Anpassung, die anderen mehr Freiheit nach dem Motto: Unsere religiöse, geschlechtliche und/oder kulturelle Identität mitsamt ihren Symbolen muss endlich sichtbar und anerkannt werden. 

Damit prallen jedenfalls zwei gesellschaftspolitische Vorstellungen vom Umgang mit Differenz aufeinander: eine weitgehend entgrenzte, die Anerkennung und Wertschätzung sehr weit fasst, und eine strengere, mitunter autoritäre, die Grenzen setzen und Sichtbarkeit einschränken will. Dazwischen wird der Raum für demokratische Toleranz enger – soll heißen für die Fähigkeit, einen geäußerten Standpunkt begründet abzulehnen und dennoch den Menschen zu respektieren, der ihn vertritt. 

Ob und inwiefern die Art und Weise, wie wir gesellschaftliche Unterschiede erforschen und öffentlich darstellen, selbst zu diesem zugespitzten Umstand beigetragen hat, wäre zumindest eine Untersuchung wert.

Wo kollektive Identitäten zunehmend in den Vordergrund treten – und das tun sie immer stärker – geht das Problem tiefer. Sie heben einzelne Merkmale von Menschen hervor und verleihen ihnen politische Bedeutung. Was dabei leicht verschwindet, ist der konkrete Mensch selbst: seine soziale Geschichte, seine Interessen und Abneigungen, seine Fähigkeiten und Gewohnheiten – kurz: sein Habitus und seine tatsächlichen Beziehungen zur Welt.

Deshalb genügt es nicht, die Grenzen der Toleranz immer wieder neu auszuhandeln. Wir brauchen einen anderen Blick auf gesellschaftliches Zusammenleben.

Mit dem Konzept „Beziehungsfähigkeit als Alternative zu Integration“, das am 15. September bei der 9. Jahrestagung zur Migrationsforschung in Österreich vorgestellt wurde, schlagen wir als Forschungsteam einen solchen Perspektivenwechsel vor.

Nicht bestimmte Menschen oder Gruppen sollten fortwährend auf ihre Integrationsfähigkeit untersucht werden, sondern alle Menschen auf ihre Beziehungsfähigkeit. Dazu gehören insbesondere ihre Toleranz- und Resonanzfähigkeit. Wir können in diesem Zusammenhang durchaus auch von einem Beziehungsvermögen sprechen.

Die entscheidende Frage lautet somit nicht mehr: Wie gut ist jemand in „die Gesellschaft“ integriert? Welche Position nimmt er in der Gesellschaft ein? Welche Herkunft oder Religion hat er? Sondern: In welchem Umfeld lebt ein Mensch, worauf richtet sich seine Aufmerksamkeit – etwa auf Wirtschaft, Kunst, Konsum oder digitale Welten – und in welcher Beziehung steht er zu diesen Welten?

Beziehungsfähigkeit bemisst sich demnach weder an gesellschaftlicher Stellung oder Reichtum noch daran, möglichst alles zu akzeptieren oder wertzuschätzen. Im Gegenteil: Beziehungsfähigkeit setzt voraus, unterscheiden, urteilen, bejahen oder ablehnen zu können, ohne daraus Feindschaft oder die Herabsetzung anderer Menschen abzuleiten.

Beziehungsfähigkeit ist auch weit mehr als Toleranz. Menschen stehen nicht nur zu anderen Menschen in Beziehung, sie leben gleichzeitig in unterschiedlichen Welten: Familie und Freundschaft, Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur, Arbeit und Wirtschaft, Politik und Religion, Natur, Sport oder digitale Welten. Manche interessieren und begeistern uns, andere lehnen wir ab, wieder andere bleiben uns gleichgültig. Beziehungsfähigkeit zeigt sich deshalb auch darin, welche dieser Welten ein Mensch überhaupt wahrnimmt, welche Bedeutung er ihnen gibt und wie er mit ihnen umgeht.

Dabei genügt auch Zugetanheit nicht: Man kann beispielsweise die Natur lieben und sie dennoch zerstören. Man kann einen Menschen lieben und ihn dennoch schlecht behandeln. Umgekehrt kann man eine Weltanschauung entschieden ablehnen und ihrem Vertreter dennoch mit Respekt begegnen. Entscheidend ist nicht allein, was wir bejahen oder ablehnen, sondern welche Qualität unseren Beziehungen innewohnt.

Und Beziehungsfähigkeit hat noch eine zweite, bislang wenig beachtete Seite: Welche der angesprochenen Welten eröffnen eine lebenswerte Zukunft – für den Einzelnen ebenso wie für eine Gesellschaft? Wer ausschließlich jene Welten wahrnimmt, die der eigene Habitus bereits kennt, verfügt über einen engeren Möglichkeitshorizont als jemand, der gelernt hat, seinen Blick zu erweitern.

Wie entsteht Beziehungsfähigkeit?

Wie aber werden Menschen beziehungsfähig? Wie können sie ihren Blick erweitern? Damit kommen wir zur vielleicht schwierigsten Frage, denn Beziehungsfähigkeit ist nicht einfach angeboren und auch keine moralische Eigenschaft, die manche besitzen und andere nicht.

Unsere soziale Geschichte prägt, was wir wahrnehmen, was uns selbstverständlich erscheint und wofür wir überhaupt empfänglich werden. Familie, Schule, soziale Milieus und Medien prägen nicht nur unser Wissen und Verhalten, sondern auch unsere Aufmerksamkeit und unser gesamtes Beziehungsvermögen – ein Vermögen, um das es derzeit nicht besonders gut bestellt zu sein scheint.

Der Mensch ist individuell und einzigartig, aber das Gesellschaftliche ist in ihm als Habitus gegenwärtig. Er ist, anders gesagt, ein kollektives Individuum. Unser Habitus ist zwar dauerhaft und träge, aber nicht starr und vollständig determiniert. Menschen können sehr wohl andere Perspektiven und Welten kennenlernen, neue Interessen entwickeln und ihren Blick auf die Welt erweitern. Dafür brauchen sie Impulse, ja Werkzeuge. Und eines der wichtigsten ist Kultur.

Kunst & Kultur

Kunst, Literatur, Musik oder Theater verlangen nicht, dass jemand „integriert“ wird. Sie können etwas anderes: uns mit einer Welt in Beziehung bringen, die vorher nicht unsere war. Ein Roman kann uns durch die Augen eines anderen Menschen sehen lassen; Musik kann beispielsweise Empfänglichkeit erzeugen, wo vorher Gleichgültigkeit herrschte; Kunst kann scheinbare Gewissheiten irritieren und den eigenen Standpunkt ebenso wie andere Perspektiven sichtbar machen.

Kunst und Kultur garantieren keine Beziehungsfähigkeit. Aber ohne kulturelle Erfahrung, ohne humanistische Bildung und die Möglichkeit, andere Welten kennenzulernen, lässt sich ein möglichst autonomer Blick auf die Welt nur schwer entwickeln. Autonomie bedeutet dabei nicht, ohne Standpunkt zu sein. Autonomie bedeutet in diesem Zusammenhang, die Voraussetzungen des eigenen Sehens wenigstens teilweise zu erkennen und den eigenen Standpunkt dadurch überschreiten zu können.

Genau hier setzt die vorgeschlagene humanistische Beziehungswende an. Sie rehabilitiert das Individuum, ohne seine soziale Geschichte zu leugnen. Und sie nimmt Demokratie ernst, ohne Menschen auf Herkunft, Religion, Geschlecht oder andere kollektive Identitäten zu reduzieren.

Vielleicht sollten wir deshalb nach Jahrzehnten der Integrationsdebatte kurz innehalten und eine ganz einfache Frage stellen: Wie beziehungsfähig sind wir – und wie können wir unsere Beziehungsfähigkeit verbessern?

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