
Im folgenden Artikel geht es um die Frage nach den Bedingungen gelingenden individuellen und gesellschaftlichen Lebens und nach der Möglichkeit, diese zu verbessern. Die Basis dafür bildet ein einfacher Grundsatz: Menschen, Gesellschaften und auch deren Politik lassen sich anhand ihrer Präferenzen, Abneigungen und Gleichgültigkeiten sowie anhand des Umgangs mit diesen drei Formen der Weltbeziehung grundlegend erfassen.
Die politische Ausgangslage
Derzeit herrscht in vielen Demokratien ein überhitzter Kampf zwischen etablierten und aufstrebenden politischen Kräften. Etablierte Mitte-links-Parteien werfen aufstrebenden rechten Parteien Demokratiefeindlichkeit und Rechtsextremismus vor. Rechte Parteien greifen wiederum die etablierten Parteien und Institutionen aggressiv an. Und das in nahezu allen Belangen.
Wir haben es hier mit einem Kampf zu tun, in dem es um die Umgestaltung öffentlicher Angelegenheiten und um eine grundlegende Veränderung staatlicher und gesellschaftlicher Machtverhältnisse liberaler Gesellschaften geht. Ein bedeutender Teil dieser häretischen Kräfte richtet sich zugleich gegen wesentliche Errungenschaften der Moderne, insbesondere gegen bestimmte universalistische Vorstellungen der Aufklärung. Gleichzeitig richtet sich ihr Widerstand gegen Entwicklungen der Postmoderne und gegen eine gesellschaftliche Grundhaltung, die kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Lebensweisen stark aufgewertet hat.
Vereinfacht gesagt lautet die Botschaft der einen Seite: Unsere gegenwärtige abendländische Kultur ist in eine falsche Richtung geraten und muss grundlegend verändert werden. Die etablierte Seite versucht hingegen, wesentliche Teile der bestehenden Ordnung und ihrer Wertvorstellungen zu bewahren.
Die Hintergründe dieses einschneidenden Phänomens sind jedenfalls vielschichtig und alles andere als schwarz-weiß, wie es in der öffentlichen Auseinandersetzung häufig erscheint.
Das Feld der Macht
Um diesen politischen Kampf zwischen etablierten und aufstrebenden Kräften umfassender zu verstehen, empfiehlt es sich, daran zu erinnern, dass das politische Feld nirgendwo auf der Welt autonom ist. Es ist zum einen den Meinungen der Wählerschaft und zum anderen übergeordneten gesellschaftlichen Kräften und Diskursen ausgesetzt. Zwei davon sind besonders wirkmächtig: die Wirtschaft auf der einen sowie Kunst, Kultur und die an sie anknüpfenden intellektuellen Felder – etwa Philosophie, Wissenschaft und Soziologie – auf der anderen Seite.
Hier haben wir es mit einem Raum zu tun, den man in Anlehnung an Pierre Bourdieu als Feld der Macht benennen kann. In ihm wird nicht um ökonomische Ressourcen, sondern um symbolische Macht gerungen: darum, welche Vorstellungen von Fortschritt, Erfolg, Freiheit und einem guten Leben gesellschaftliche Geltung erlangen.
Heute kommt mit dem Internet und insbesondere mit der künstlichen Intelligenz eine neue, außerordentlich wirkmächtige Infrastruktur hinzu. Sie bildet jedoch nicht einfach einen eigenständigen dritten Pol, da sie vollkommen abhängig ist. Jedenfalls derzeit. Vielmehr wird gerade darum gerungen, welche Kräfte, Interessen und Vorstellungen sich ihrer bedienen und durch sie verstärkt werden.
Dieses Machtfeld prägt die Denk- und Handlungsweisen der sozialen Felder und damit auch die Weltenbeziehungen, ja selbst die Bedürfnisse der Menschen – abhängig vom jeweiligen Grad ihrer Autonomie, ihren sozialen Voraussetzungen und ihrer Perspektive auf die Welt.
In diesem Machtfeld geht es um einen symbolischen Kampf. Intellektuelle versuchen Legitimität für die Vorstellung zu schaffen, dass es im Leben nicht nur auf ökonomisches Kapital, Wohlstand und Geld ankommt, sondern ebenso auf gelingende Mensch- und Weltbeziehungen. Während die eine Seite Freiheit, Lebensqualität und gesellschaftliche Stabilität vor allem mit wirtschaftlichem Wachstum und Konsum verbindet, sucht die andere sie stärker in Bildung, kultureller Erfahrung, Autonomie und humanistischer Entwicklung.
Wir haben es, anders gesagt, mit einem wirkungsmächtigen ökonomischen und intellektuellen Diskurs und ihren jeweiligen Akteuren zu tun. Zu den intellektuellen Vertretern gehören Kulturschaffende, Wissenschaftler und Denker, die durch ihre Werke und öffentlichen Stellungnahmen gesellschaftliche und politische Wirkung erzielt haben – Immanuel Kant wäre dafür nur eines der historischen Beispiele.
Im zeitgenössischen Österreich zählen dazu etwa die Werke Thomas Bernhards – allen voran das Theaterstück „Heldenplatz“ –, Elfriede Jelineks sowie weitere Stimmen aus Philosophie, Wissenschaft, Literatur und Kunst.
Zum ökonomischen Pol des Machtfeldes gehören hingegen besonders einflussreiche Unternehmen, Medien- und Technologiekonzerne sowie deren Eigentümer und Führungspersonen, etwa Elon Musk.
Wirft man einen summarischen Blick auf die heutige Diskurslandschaft, so ist kaum zu übersehen, dass der ökonomische Diskurs und die mit ihm verbundenen Vorstellungen von Wachstum, Leistung, Wettbewerb und Konsum ihre Reichweite gegenüber dem intellektuellen Diskurs und dem gesamten kulturell-humanistischen Bereich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht haben. Ökonomische Kategorien bestimmen zunehmend auch jene Bereiche des Lebens, die ursprünglich anderen Logiken folgten.
Präferierte Weltbeziehungen
Homolog zu den Hierarchien im Feld der Macht zeigt sich in vielen Ländern ein starkes politisches Interesse an wirtschaftlichem Wachstum, während Kunst und Kultur vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit erhalten. Über politische und ideologische Grenzen hinweg besteht weitgehend Konsens darüber, dass wirtschaftliches Wachstum, Wohlstand und Konsum wesentlich zur gesellschaftlichen Stabilität beitragen.
Dieses auf Konkurrenz, wirtschaftliche Expansion, Naturbeherrschung und Beschleunigung setzende Weltverhältnis ist in Europa alles andere als neu und keineswegs ausschließlich „konservativ“. „Sogar die deutschen Grünen […] sagen“ – so Hartmut Rosa – „wir bräuchten Wachstum und Leistungssteigerung.“ Am intellektuellen Pol des Machtfeldes, von dem aus Rosa seine Stellung bezieht, stellt sich das Problem hingegen anders dar: „Wir müssen ‚Zeitpolitik‘ zu unserem Anliegen machen, sie als ein vom Wirtschaftswachstum losgelöstes Gebiet betrachten. Unsere Aufgabe besteht darin, über die Frage eines nicht der Wirtschaft und der Technik unterworfenen, durch einen paradigmatischen Wandel gekennzeichneten sozialen Fortschritts nachzudenken.“ (H. Rosa: Beschleunigen wir die Resonanz! 2025, S. 69–70).
Ähnliche Kritik am ökonomischen Wachstumsdiskurs wird mittlerweile von zahlreichen Kulturschaffenden und Intellektuellen vertreten; neu und unbekannt ist diese Position nicht mehr. Weniger Aufmerksamkeit erhält hingegen ein anderes Problem: die dichte Vernetzung und die dadurch entstandene Vielfalt und „Nähe“ zwischen Staaten und Menschen, die durch globale Wirtschaft, Mobilität und das Internet erheblich verstärkt wurde – sowohl innerhalb liberaler Demokratien als auch zwischen den Staaten.
Doch diese größere Nähe erzeugt nicht automatisch bessere Beziehungen. Trotz gestiegenen Wohlstands, größerer Vielfalt und weltweiter Vernetzung erleben wir weiterhin Radikalisierung, Gewalt, Einsamkeit und psychische Belastungen. „Die urbane Modernisierung“ – so Bruce Hood – „erhöht zwar den Wohlstand (und Wohlstand wird mit mehr Glück assoziiert), aber paradoxerweise ist das Glücksniveau in größeren Städten niedriger als in kleineren Gemeinden. Ein Grund dafür ist, dass Fremde in unmittelbarer Nähe einander routinemäßig ignorieren.“ (B. Hood: Glück. 2025, S. 194).
Viele Menschen geraten oder entscheiden sich in dicht bewohnten Räumen für eine größere soziale Distanz, die nicht immer, aber mitunter zu Einsamkeit und „Kälte“ führt. Andere suchen hingegen große Nähe und „Wärme“, die ebenfalls nicht zwangsläufig zu gelingenden Beziehungen führt und Konflikte sogar verschärfen kann. Arthur Schopenhauer hat dieses Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz bereits 1851 in seiner bekannten Parabel von den „Stachelschweinen“ einleuchtend dargestellt.
Auch Erich Fromm knüpfte an dieses Problem an. Durch Industrie sowie „neue Kommunikationsmethoden“, so Fromm in einem neu aufgelegten Text, werde eine größere Nähe zwischen den Menschen entstehen – die „Eine Welt“: „Allerdings ist es fraglich, ob das Kommen der Einen Welt den Lebenswert steigern wird oder ob alles in einem großen Schlachtfeld enden wird.“ (R. Funk [Hg.]/E. Fromm: Humanismus in Krisenzeiten. 2025, S. 211).
Etwa 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses Textes hat diese Frage nichts von ihrer Aktualität verloren. Vernetzung und Nähe sind offenbar noch keine Beziehungsfähigkeit. Entscheidend bleibt daher die Frage, wie aus bloßer Nähe tatsächlich ein gelingendes Zusammenleben entstehen kann.
Humanistische Beziehungswende
Spuren eines anderen Denkens, in dessen Mittelpunkt die Frage des gelingenden Lebens und des Friedens steht, gibt es längst – auch wenn entsprechende Ansätze in der breiten Öffentlichkeit weniger präsent sind.
Eine Möglichkeit besteht darin, Nähe nicht unter allen Umständen zu maximieren, sondern das Verhältnis von Nähe und Distanz neu zu überdenken. Wo Staaten oder gesellschaftliche Gruppen mit grundlegenden Gegensätzen konfrontiert sind, kann zeitweilige Distanz unter Umständen konfliktmindernd wirken. Auch über Formen friedlicher Koexistenz und über eine vorübergehende Reduktion bestimmter Abhängigkeiten lässt sich daher nachdenken. Unter dem Begriff „Kalter Frieden“ existieren dazu unterschiedliche Überlegungen.
Davon unabhängig – oder gleichzeitig – wäre es entscheidend, sich wesentlich stärker mit der Beziehungsfähigkeit des Menschen auseinanderzusetzen. Gemeint ist damit nicht die Herstellung von Gleichheit oder die vollständige Übereinstimmung unterschiedlicher Menschen und Welten. Im Gegenteil: Beziehungsfähigkeit zeigt sich vielmehr darin, wie Menschen mit Zuneigung, Abneigung und Gleichgültigkeit, mit Nähe und Distanz sowie mit unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Welten umgehen können.
Die Qualität unserer Mensch- und Weltenbeziehungen ist etwas Wesentliches. Sie betrifft kleine Gemeinschaften ebenso wie große: Familie, Schule, Arbeitswelt, Gesellschaft und schließlich auch die Beziehungen zwischen Staaten. Ihre Verbesserung braucht allerdings Zeit. Aktuelle Kriege lassen sich damit nicht kurzfristig lösen.
Viele Kulturschaffende und Intellektuelle haben auf die Bedeutung gelingender Mensch- und Weltbeziehungen hingewiesen. In Politik und Wirtschaft wird dieser Dimension jedoch wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Vor allem wird häufig übersehen, dass Beziehungsfähigkeit nicht einfach vorhanden oder nicht vorhanden ist. Sie kann entwickelt und erlernt werden. Wo denn sonst, wenn nicht in Schulen und Universitäten? Und dies am ehesten im Rahmen kultureller und humanwissenschaftlicher Angebote, die allerdings einer deutlichen Erweiterung bedürften, eine echte humanistische Beziehungswende. Es braucht mehr humanwissenschaftlichen Unterricht. Das derzeit in den Bildungsplänen vorgesehene Ausmaß an philosophischem, soziologischem, psychologischem und künstlerischem Unterricht ist ebenso zu gering wie die Häufigkeit von Konzert-, Museums- und Theaterbesuchen als Orten lebendiger Begegnung und Erfahrung.
Widerständige Beziehungen
Es ist erstaunlich, dass Toleranz als gewaltloser Umgang mit abgelehnten, störenden oder als fremd empfundenen Welten selbst im weit verbreiteten und vielerorts verpflichtenden Diversity Management höchstens eine Nebenrolle spielt. Wenn wir aber unsere Gesellschaft als Raum unterschiedlicher Einstellungen, Lebensweisen und Weltbeziehungen betrachten, und das sollten wir, so wird deutlich, dass wir uns keineswegs nur in einer Vielfalt bewegen, die uns bereichert und beglückt.
Vielmehr begegnen wir täglich Menschen, Überzeugungen und Lebensweisen, die uns gleichgültig sind, irritieren oder die wir ausdrücklich ablehnen. Gerade hier beginnt das eigentliche Problem der Toleranz als eines der wichtigsten Merkmale der Beziehungsfähigkeit.
Dass Toleranz an vielen Orten nicht funktioniert, hat verschiedene Gründe. Einer davon liegt darin, dass sie kaum unterrichtet, kommuniziert und somit häufig falsch verstanden wird: Tolerieren heißt weder gutheißen noch wertschätzen, wie man viel zu oft annimmt. Ein weiterer liegt darin, dass sich kaum jemand eine bloße Toleranzbeziehung wünscht. Wie langweilig! In der Regel wünschen wir uns, dass sich das eher „kalte“ Spektrum der Toleranz möglichst zugunsten von Beziehungen verkleinert, die sich gut, aufregend, resonant oder sogar liebevoll anfühlen.
Doch bei allem Optimismus wird es niemals ein menschliches Zusammenleben geben, das ohne Toleranz auskommt. Denn es wird immer Menschen, Überzeugungen, Lebensweisen und Welten geben, die wir nicht mögen. Beziehungsfähigkeit zeigt sich deshalb nicht nur dort, wo wir Zuneigung empfinden, sondern gerade auch im Umgang mit unseren Abneigungen.
Demokratische Toleranz
Gleich vorweg eine erste Klarstellung: Die „eine“ Toleranz, über die öffentlich häufig gesprochen wird, gibt es nicht. Toleranz kann sehr unterschiedliche Formen und Qualitäten annehmen, die sich hinsichtlich der Beziehung zwischen den Beteiligten erheblich unterscheiden.
Mit der Theorie Rainer Forsts lassen sich insbesondere vier Konzeptionen unterscheiden: die Erlaubnis-, Koexistenz-, Respekt- und Wertschätzungs-Konzeption. Sie beschreiben unterschiedliche Arten des Umgangs mit Personen, Gruppen, Überzeugungen oder Praktiken, die abgelehnt werden oder mit denen Konflikte bestehen.
Bei der Erlaubnis-Konzeption toleriert eine dominante Mehrheit eine Minderheit unter bestimmten Bedingungen. Die Machtverhältnisse bleiben asymmetrisch: Die einen erlauben den anderen, anders zu sein, solange bestimmte Grenzen nicht überschritten werden.
Die Koexistenz-Konzeption ist pragmatischer. Unterschiedliche Gruppen tolerieren einander, weil sie erkennen, dass ein friedliches Nebeneinander in ihrem gegenseitigen Interesse liegt. Man muss einander weder mögen noch die Überzeugungen der anderen teilen.
Für demokratische Gesellschaften besonders bedeutsam ist die Respekt-Konzeption. Menschen können Überzeugungen und Handlungen anderer ablehnen und einander dennoch als politisch und rechtlich Gleichgestellte respektieren. Gerade darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen Respekt und Wertschätzung.
Die Wertschätzungs-Konzeption geht darüber hinaus: Bestimmte Überzeugungen oder Lebensweisen, ja „Identitäten“ anderer werden nicht lediglich respektiert, sondern auch als ethisch wertvoll anerkannt, und zwar von vornherein.
Damit wird ein für gegenwärtige Debatten wesentlicher Punkt sichtbar: Eine demokratische Gesellschaft muss nicht verlangen, dass Menschen die Lebensweisen, Religionen oder Überzeugungen anderer wertschätzen. Sie muss aber verlangen können, dass Menschen einander trotz begründeter Differenzen, etwa angesichts des guten Lebens, als gleichberechtigt respektieren.
Zwischen Leitkultur und Multikulturalismus
In pluralistischen Demokratien wird seit Langem darüber gestritten, wie weit kulturelle Unterschiede reichen dürfen und welche gemeinsamen Regeln verbindlich sein sollen. Zwei Positionen stehen dabei häufig einander gegenüber: Auf der einen Seite steht die Forderung nach stärkerer Anpassung an eine dominante Kultur, auf der anderen die Forderung nach weitreichender Anerkennung kultureller Unterschiede.
Beide Positionen können problematisch werden, wenn sie verabsolutiert werden. Eine Gesellschaft kann weder verlangen, dass alle Menschen gleich leben und denken, noch kann sie jede kulturelle oder religiöse Praxis allein deshalb für wertvoll erklären, weil sie Ausdruck einer bestimmten Tradition ist.
Friedliche Koexistenz
Auch die Koexistenz-Toleranz sollte nicht vorschnell als minderwertige Form verstanden werden. Ihre Qualität hängt wesentlich davon ab, in welcher Beziehung und unter welchen Bedingungen sie praktiziert wird.
Zwischen Menschen, Gruppen oder Staaten, deren grundlegende Überzeugungen unvereinbar erscheinen, kann friedliche Koexistenz bereits ein erheblicher Fortschritt sein. Sie verlangt nicht, dass ideologische, religiöse oder kulturelle Gegensätze verschwinden. Sie verlangt zunächst nur, dass diese Gegensätze nicht gewaltsam ausgetragen werden.
Gerade zwischen Staaten, die einander ablehnen oder sogar miteinander im akuten Konflikt stehen, kann eine solche Koexistenz ein pragmatischer Weg sein, Eskalation zu verhindern. Nicht jede Differenz muss überwunden und nicht jede Welt mit jeder anderen versöhnt werden. Manchmal genügt es zunächst, einander bestehen zu lassen und eine angemessene Distanz zu finden.
Auswege und Stolpersteine
Sich für Vielfalt auszusprechen, ist an sich zu begrüßen. Angesichts der sozialen Dichte, in der wir heute leben, reicht das jedoch nicht aus. Vielfalt braucht verbindende Ziele, Regeln und Werte, gegenseitiges Vertrauen – Niklas Luhmann sprach zurecht über Vertrauenskapital – sowie eine tragfähige, demokratische Form der Toleranz.
Aber wie sieht eine moderne, demokratisch tragfähige Toleranz aus?
Sie beruht nicht darauf, alles gutzuheißen. Sie ermöglicht sowohl begründete Akzeptanz als auch begründete Ablehnung und folglich auch eine klare und verbindliche Zurückweisung. Entscheidend ist, dass die Zurückweisung einer Überzeugung oder Handlung nicht zur Herabsetzung des Menschen führt, der sie vertritt oder ausführt.
Zwischen autoritärer Anpassungsforderung und grenzenloser Wertschätzung braucht es daher einen differenzierten Umgang mit Zustimmung und Ablehnung. Menschen müssen lernen können, zu sagen: Das lehne ich ab – aber ich respektiere dich als Menschen und als gleichberechtigtes Mitglied unserer Gesellschaft.
Genau hier könnte eine demokratische Form von Beziehungsfähigkeit ansetzen.
Immerwährende Werte
Wenn Menschen in einem bestimmten sozialen Umfeld sozialisiert werden und wirken, „wenn ihre Köpfe aufeinander abgestimmt sind“ – wie Pierre Bourdieu sich treffend ausdrückte –, nehmen sie die Regeln, Werte und Produkte, die in einem sozialen Feld gelten, leicht als selbstverständlich oder naturgegeben wahr. Man erinnere sich an die unterschiedlichen Interessen und Logiken, die etwa im ökonomischen und im künstlerischen Feld wirksam sind.
Erich Fromm formulierte eine verwandte These. Nicht allein unsere Triebe, sondern auch „die Erfordernisse des Wirtschaftens und Zusammenlebens“ hätten, so Fromm sinngemäß, einen starken Einfluss auf die psychische Strukturbildung. Nur so lasse sich erklären, dass Menschen leidenschaftlich erstreben können, was eine bestimmte Wirtschaft und Gesellschaft für ihr Funktionieren braucht – selbst dann, wenn dieses Streben dem eigenen Wohlergehen nicht zuträglich ist. (R. Funk: Erich Fromm und der Narzissmus. In: Philosophie Magazin 03/2025, S. 70.)
Daraus lässt sich eine für die Beziehungsfähigkeit wichtige Folgerung ziehen: Wenn gesellschaftliche Bedingungen unsere Präferenzen, Abneigungen und Selbstverständlichkeiten mitprägen, dann sind auch unsere Weltbeziehungen nicht unveränderlich. Unsere kollektive Individualität oder Singularität – zwei Begriffe, die auf das kollektive Individuum zurückgehen und das wir kürzlich als beschreibenden Begriff für den Habitus eingeführt haben – ist dauerhaft und träge, aber nicht vollständig starr.
Es sollte daher möglich sein, bestehende Denk- und Handlungsmuster schrittweise zu verändern – nicht durch die Verordnung einer neuen richtigen Lebensweise, sondern indem andere Erfahrungen, Werte und Beziehungen gesellschaftlich stärker sichtbar und erfahrbar werden: Kollaboration statt Konkurrenz, Aufmerksamkeit statt Gleichgültigkeit, Resonanz statt bloßer Verfügbarkeit und Respekt auch dort, wo Wertschätzung nicht möglich ist.
Die leise Stimme des Intellekts
Um den derzeitigen Weltzustand zu verbessern, wäre es daher sinnvoll, auch die öffentliche Aufmerksamkeit neu zu gewichten. Erkenntnisse und Arbeiten von Kulturschaffenden sollten nicht nur in spezialisierten Formaten vorkommen, sondern stärker in Schulen, sozialen Medien, Radio, Fernsehen und allgemeiner Berichterstattung präsent sein. Die kurzen Hinweise auf interessante Bücher, Ausstellungen oder Veranstaltungen am Rand der Nachrichten können diese Aufgabe allein nicht erfüllen.
Zusammenfassend lautet die These dieses Artikels: Der intellektuelle Pol ist dem ökonomischen Pol des Machtfeldes derzeit deutlich unterlegen. Kunst, Wissenschaft oder Philosophie sind zwar nicht verschwunden, aber ökonomische Wertvorstellungen – Wachstum, Leistung, Wettbewerb, Verwertbarkeit und Reichweite –bestimmen immer stärker, worauf gesellschaftliche Aufmerksamkeit fällt und was als sinnvoll gilt.
Freud schrieb, die Stimme des Intellekts sei leise. Ja, sie ist leise, aber viel zu leise im Verhältnis zur Lautstärke jener Kräfte, die über wesentlich größere ökonomische, mediale und technologische Ressourcen verfügen. Gerade deshalb wäre es zielführend, dass Kulturschaffende aus Wissenschaft, Kunst, Bildung und anderen Bereichen stärker zusammenarbeiten, ihre gesellschaftliche Rolle deutlich stärker wahrnehmen und ihre Energie bündeln würden.
Es geht dabei nicht darum, den ökonomischen Pol zu beseitigen oder Wirtschaft gegen Kultur auszuspielen. Eine moderne Gesellschaft braucht beides. Problematisch wird es dort, wo eine Logik so dominant wird, dass andere Vorstellungen des guten Lebens kaum noch zur Geltung kommen.
Peter Handkes Buchtitel „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ erinnert einmal mehr daran, dass diese Auseinandersetzung keineswegs neu ist. Auch in Elfriede Jelineks Stück „Unter Tieren“ lässt sich bestens erkennen, wie ökonomische Logiken in Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eindringen und unseren Weltbezug verstören.
Unsere Beziehungsfähigkeit gerät sichtlich zunehmend unter Druck: ihre Fähigkeit, tragfähige Beziehungen zur Natur, zu Mitmenschen, zur Tierwelt, zu anderen Lebewesen und zu den Dingen selbst aufzubauen und zu bewahren.
Einiges wurde hier und in früheren Schriften wenigstens angedeutet. Eine Frage bleibt aber gänzlich offen: Wie lässt sich eine stimmige Balance zwischen ökonomischer Leistungsfähigkeit und jener kulturellen und intellektuellen Kraft herstellen, die einer Gesellschaft hilft, über ihre Ziele, Werte und Weltbeziehungen nachzudenken? Und: Weshalb ist es der Politik über Jahrzehnte nicht gelungen, eine stimmige Balance zwischen Ökonomie und Kultur herzustellen?
Zoltan Peter, 05.05.2025 / überarbeitete Fassung 2026